Gaststätte "Zum Bären" Breite Strasse 78


Wenn man sich das Haus in der Breiten Strasse 78, gebaut in der Zeit von 1680 bis 1684, anschaut, füllt jedem Betrachter sofort auf: "Hier stimmt etwas nicht, so hat man zu keiner Zeit gebaut." Und der Betrachter hat Recht.

Wir stehen hier vor dem Torso des einst größten Fachwerkhauses von Wernigerode, dem ehemaligen Gasthaus "Zum Bären". Dieses damals so prächtige und markante Kaufmannshaus hat bei dem alliierten Bombenangriff von 22.02.1944 das Dach und zwei Obergeschosse eingebüßt. Durch den Materialmangel nach dem Kriege wurde das Haus nur notdürftig repariert und mit einem Flachdach nach der ersten Etage versehen. Dieses ermöglichte aber wenigstens den Erhalt der Restsubstanz.

In diesem Hause wurde im Jahre 1901 durch Frau Auguste Heinecke, welche seit 1892 Eigentümerin war, das Hotel "Zum Neustädter Bären" eröffnet. Außerdem war hier eines von drei Wernigeröder Kinos untergebracht.

Wir sehen heute ein massives Untergeschoss, das aus Rogenstein, einem Buntsandstein, ausgeführt wurde und mit einem glatten Putz versehen war. An der Seite zur Schenkstrasse sind von Anfang an zwei Stützpfeiler in voller Geschosshöhe integriert. Im linken Teil des Gebäudes sehen wir drei Fenster und eine Eingangstür zu einem Ladengeschäft. Dazwischen die Strebe, die den turmförmigen Erker stützt.

Die Überkragung im Fachwerkbau machte in zweierlei Hinsicht Sinn. Erstens wurden die darunter liegenden Geschosse weitestgehend vor ablaufendem Regenwasser geschützt. Zweitens erfolgte die Besteuerung der Gebäude seitens der Stadt immer nach der Grundfläche eines Gebäudes, so dass man durch die Vorkragung einen beträchtlichen Zugewinn an Nutzfläche, bis zu dreißig Prozent, erreichen konnte.

Vor dem Einbau der Ladengeschäfte sah das Haus folgendermaßen aus: Rechts und links der Stützstrebe des Turmes befanden sich lediglich zwei kleine Rundbogenfenster, darauf hinweisend, dass der rechte Teil des Erdgeschosses einer kellerähnlichen Nutzung diente. Über der Eingangstür mit zwei Trittstufen, welche sich in etwa mittig vom Gebäude befand, konnte man im zweiten und dritten Obergeschoss jeweils eine Ladeluke in Geschosshöhe sehen, welche mit einem Rundbogen versehen war. Über einen so genannten Kefferbalken im dritten Geschoss konnte man die Obergeschosse mit Lagerware bestücken.

Der sechseckige Turm trug eine helmartige Haube mit einer Spitze, welche aber den First kaum überragte. Das Dach war als Krüppelwalmdach mit der in unseren Breiten üblichen Steigung. Auf dem Dach befanden sich in zwei Etagen kleine Schleppgauben über die halbe Breite des Gebäudes, die der Belüftung des Dachraumes dienten.

Das es sich hier um ein Kaufmannshaus handelte scheint schlüssig. Welche Waren hier allerdings umgeschlagen wurden lässt sich heute nicht mehr nachweisen. Nach dem Krieg befand sich in den unteren Räumen eine Gaststätte, die preiswert Pferdefleisch anbot und deshalb im Volksmund "Ponybar" genannt wurde, später dann eine Milchbar. Heute sind im Erdgeschoss wieder Geschäfte zu finden.




Ehemalige Bewohner und Nutzungen des Hauses
1944 zweite Etagen mit Turm ausgebombt - "Hotel zum Bären"

1928 Max Bollmann, Michaelis

1901 Landwirt Gustav Heinecke

1878 Bäcker August Hildebrandt
        die Erben des Ökonom Gust. Heinecke dessen Ehefrau Auguste geb. Kratzenstein und
        deren Kinder Gustav und Ernst Heinecke

1830 Ökonom Jakob Heinrich Heinecke

1814 Ernst Hildebrandt und
        dessen II. Ehefrau Johanne geb. Wedde
        dessen I. Ehefrau Charlotte geb. Bollmann

        Kinder:
        1) Eduard
        2) August
        3) Emilie
        4) Bernhard

1744 Branntweinbrenner Heinrich Friedrich Hildebrandt und
        dessen Ehefrau Catharine Margarethe geb. Hoffmeister Schmidt

1746 Sebastian Nehrkorn und dessen Ehefrau Anna Elisabeth geb. Faulbaum

1725 Sebastian Faulbaum (dessen Schwester Frau Lenkendorff) und
        dessen Ehefrau Anna Elisabeth geb. Dieck

        Kinder:
        1) Christina Elisabeth
        2) Cathar. Sophie
        3) Anna Elisabeth
        4) Anna Sophie (Lucia)
        5) Sophie Ursula

1700 Herr Johann Faulbaum und Heinecke

1684 Hans Faulbaum jun. Ehefrau Marie geb. Hermes

1680 Haus neu erbaut

1666 Hans Faulbaum sen.
        Jacob Krafft
        Keffels Tochter

1656 Johann Valtin Krafft


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