Marktstraße 1


Das Anwesen an der Marktstraße 1 besteht aus 7 Häusern, die um einen Innenhof herum gruppiert sind. Die Gebäude stammen aus dem 15. bis zum 19. Jahrhundert.

Beginnen wir beim Haupthaus. Es wurde etwa zwischen 1830 und 1840 gebaut, nachdem das ursprüngliche Haus von 1530 abgerissen worden war. Vom alten Haus ist ein Keller mit einer Zisterne erhalten, die ständig Wasser führte und früher vom Hof aus erreichbar war. Das Haupthaus errichtete man als Wohn- und Geschäftshaus.

Die innere und äußere Struktur des Hauses wurde um 1895 gründlich verändert. In diesem Zusammenhang verlegte man den Eingang an die Marktstraße, wobei das Vorhangbogentor von der Südfassade der Kemenate verwendet wurde. Dort befindet sich jetzt eine Kopie desselben. In der 1. Etage kam der Erker mit der Jahreszahl 1899 hinzu; der dahinter liegende Raum wurde mit einer Kassettendecke versehen. Erhalten vom Ursprungsbau blieb die Hoftür und der Fußboden in der 1. Etage. Zudem wurde die bereits stark beschädigte Fassade mit Blechformplatten verkleidet.

Zum Ensemble der Eckbebauung gehören u. a. noch zwei weitere besonders beachtenswerte Häuser: Das Gebäude, in dem sich die so genannte Kemenate befindet und angrenzend an die Unterengengasse ein Haus, in dem die Remise zu finden ist, die der Kunst- und Kulturverein für verschiedene Veranstaltungen nutzt. Dieses Gebäude, um 1530 erbaut, zeigt zur Unterengengasse bemerkenswerte Fachwerkrosetten, die nicht statisch erscheinen, wie die übrigen in Wernigerode, sondern den Eindruck von Wirbeln erwecken.

Im Erdgeschoss finden wir heute einen großen Raum: Die Remise. Die tatsächliche Nutzung aus der Zeit, als dieser Raum noch offen und zugig war, ist uns leider nicht überliefert. Im Obergeschoss parallel zur Straße gibt es den einzigen noch in Wernigerode erhaltenen Renaissanceflur. Dahinter liegen zwei Wohnräume, ebenfalls Renaissance und eine noch erhaltene Tür aus dieser Zeit.

Das Gebüude, mit der so genannten Kemenate des Bürgermeisters Schütze und seiner Frau Anna Plathner, wurde auf dem Hof eines sehr großen Anwesens, bestehend aus einem mehrstöckigen Wohnhaus von etwa 25 m Straßenfront und mehr als 8000 m2 Garten, im Jahre 1556 errichtet, wie die Jahreszahl im Wappen ausweist. Es hatte vier tonnengewölbte Keller, von denen drei erhalten sind. Die mittleren Tonnen sind mehr als 3 m hoch und haben mit Sandsteingewänden verzierte Fenster, die zum Teil zerstört sind. Daran schließen sich tiefer liegende Tonnengewölbe an, eines reicht bis auf die Marktstraße, ist also über 8 m lang.

Auf dem massiven Unterbau, der ursprünglich keinen Zugang zur Marktstraße 1 hatte, erhebt sich ein aufwendig verziertes Fachwerkgeschoss mit einem sehr hohen, steilen Pultdach. Die Fassade aus mächtigen Balken von 24 bis 28 cm Stärke ist 17 m lang, die Balkenköpfe und Saumschwellen sind mit Rosetten, Drudenfüßen, Sternen und Kreisen verziert, die sich auf der Fassade nicht wiederholen und in dieser Schönheit im Harz selten gefunden werden. Damit ist dies die größte und schönste erhaltene Renaissance-Fassade der Stadt.

Der Zugang zum Obergeschoss erfolgte früher ausschließlich über das im 19. Jahrhundert abgerissene Haupthaus an der Marktstraße, wahrscheinlich von einer Diele aus. Die Eingangstür ist vermauert, aber die Stelle ist innen deutlich markiert.
Das Haus hat drei Zimmer: Einen ausgemalten, nicht heizbaren Empfangsraum, einen Raum mit offenem Kamin und das letzte, größte Zimmer, das mittels Kamin wie durch einen Kachelofen geheizt wird. Der Begriff Kemenate bezeichnet heizbare Räume, vorwiegend Wohngemächer.

Die Wände wurden aus an vier Seiten behauenen Balken gebaut. Das Fachwerk von innen und außen zu sehen ist. Das ist sehr ungewöhnlich und zeugte vom Reichtum der Erbauer, die durch die Malerei innen den Eindruck von noch breiteren Balken, also noch größerem Reichtum, vortäuschten.

Im Empfangsraum hat sich ein Teil der Malerei der Erbauungszeit an einigen Balken erhalten. Die erhaltenen Originale sind künstlerisch sehr hochwertig und mit Ornamenten versehen, die Gesichter und Fabelwesen mit Bordüren darstellen. Der Kaminraum, in dem 1985 die Treppe eingebaut wurde, zeigt über dem Kamin das sprechende Wappen der Anna Plathner, einer nahen Verwandten, der aus Stolberg stammenden Familie des Pfarrers, Reformators und Lutherfreundes Tileman Plathner, und das Wappen des Bürgermeisters Thomas Schütze. Über der Tür ist das Fragment einer Malerei zu erkennen, die wohl einen Engel darstellt. Der größte Raum ist jetzt völlig schmucklos. Er war ursprünglich komplett getäfelt, die Wände mit bemalten Platten verkleidet, der getäfelte Deckenplafonds aus sechseckigen Feldern mit Intarsien aus Ahorn mit eingelegten Ornamenten aus Birne und Pflaume, die Felder aus Eichenholz und die Gesimse aus Eiche und Linde.

Die vorstehenden Beschreibungen lassen an dieser Stelle natürlich nur ansatzweise die räumliche und historische Vielfalt dieses Ensembles erahnen.
Der Besucher sollte auf keinen Fall verpassen, das Anwesen, das dem Wernigeröder Kunst- und Kulturverein gehört, zu besichtigen und dabei die Geschäfte an der Straße, die Kunsthandwerker im Hof, die Galerie im 1. Stock, die Veranstaltungen in der Remise und natürlich die wunderschönen Fachwerkverzierungen zu entdecken.




Ehemalige Bewohner und Nutzungen des Hauses
1928 Willi Schuhardt

1898 prakt. Arzt Dr. med. Emil Kruska und
        dessen Ehefrau Emilie Agnes geb. Pfannkuchen aus Eisenach

1889 Kaufmann Friedrich Pfannkuchen *1819 †10.8.1897 und
        dessen Ehefrau Caroline geb. Linde †2.9.1893

1818 Kaufmann Friedrich Pfannkuchen und dessen Ehefrau Charlotte Krumhaar

1796 Kaufmann Christoph Georg Kratzenstein und
        dessen Ehefrau Sophie geb. Wagener
        Tochter des Apotheker Joh. Leop. Wagener zu Helmstedt

1756 Kaufmann Heinrich Andreas Kratzenstein und
        dessen Ehefrau Margarethe Elisabeth geb. Felber

        Kinder:
        1) Andreas Heinrich
        2) Heinr. Daniel
        3) Christoph
        4) Christiane
        5) Friederike
        6) Gottlieb
        7) Gottfried

1740 Stellmacher Joh. Kratzenstein - vor 1741 und dessen Ehefrau Marie Elisabeth geb. Hertzer

        Kinder:
        1) Heinrich Andreas
        2) Anna Magdalene

1723 Rathmann Christian Jacob Warnecke und dessen Ehefrau Euphrosine Cathar. Pfeifer

1677 Rathmann Georg (Jürgen) Warnecke

1669 Münzmeister Johann Börstelmann

1666 Johann Ritter

1567 Peter Engelbrecht Faktor auf d. Huette zu Ilsenburg
        (erkauft für 750 Florianthaler (850 Gulden))

1558 Haus zu Bürgermeistern Thomas Schützen (wohnhaft Marktstraße 3) und
        Martin Plathners (wohnhaft Marktplatz 9)
        Matthias Fuge

1554 Hans Zinke

1457 Jorden Dervelingerode


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