Rathaus


Einer acht's,
der andre betrachts
der dritte verlacht's
was macht's.


So steht es geschrieben über dem Hauptportal des wohl einzigartigsten Rathauses niedersächsischer Fachwerkkunst des ausgehenden Spätmittelalters und der beginnenden Frührenaissance.

Diesen Spruch könnte man heute auch als Sinnbild für die sehr wechselvolle Geschichte des Rathauses interpretieren:

1121 - Das Gemeindehaus der Siedlung Wernigerode wird an der Stelle des heutigen Rathauses gelegen haben. Es wurde nun zugleich zum gräflichen Spiel- und Versammlungshaus. Es war ein bescheidenes nicht unterkellertes Fachwerkgebäude.

1277 - Das als gräfliches "Thing- Richt- und Spelhus", eine Art Gemeindehaus, das den Stadtherren und Bürgern zu verschiedenen Zwecken diente, wurde erstmals urkundlich erwähnt.

1427 - Graf Heinrich übereignet dem Rat der Stadt das Spelhus. Er behält sich aber weiterhin vor, dort weiterhin Gericht abhalten zu können. Auch will er weiterhin dort mit Bürgern und Gefolgschaft Tanz und den Fastnachtsschmaus abhalten. Dem Rat wird vom Grafen gestattet, das Haus zu unterkellern und es höher zu bauen. Er verzichtet auf alle Rechte an dem Weinkeller und verordnet, dass dort nur gewürfelt werden darf und dass dort nur fremdes Bier getrunken werden dürfe.

1427 - 1450 - Das früher gräfliche und jetzt städtische Spelhus wird jetzt unterkellert und aufgestockt. Das Kellergeschoss erhielt fünf Tonnengewölbe und in der Südostecke einen kleineren tieferen Raum. Auch das erhöhte Erdgeschoss erhielt dieselben Gewölbe und diente einräumig als Gast-, Fest- und Versammlungssaal. Dieser wurde erreicht durch eine querliegende zweiläufige Freitreppe zum Markt. In dieses städtische Spelhus wird nunmehr der früher auf der Westernstrasse gelegene alte Ratsweinkeller verlegt.

1494 - 1498 - Es wurde ein durchgreifender Um- und Ausbau des Spelhuses beschlossen.

Die ersten Arbeiten führte Andreas Sprengel aus. Dies von Sprengel geplante und gebaute Spelhus hatte zwei große Giebel. Das aufgestockte Fachwerkgeschoss enthielt den neuen großen Festsaal, der durch eine Außentreppe an der Klintseite zugänglich gemacht wurde. Auch der figürliche Knaggenschmuck gehört wenigstens schon zum Teil dieser Bauperiode an.

1498 - Die Fertigstellung des Hauses auf dem Weinkeller wird an den Meister Thomas Hilleborch übertragen. Dabei wurde auch der Giebel durch die beiden schlanken Erkertürme aufgelockert. Diese beiden Türme haben dem Neubau seinen einzigartig besonderen Charakter gegeben.

1528 - Bei dem großen Stadtbrand wird das alte Rathaus völlig zerstört. Die Verwaltung der Stadt zieht nun in das Spelhus. Man wollte es aber noch nicht als Rathaus benutzen. Trotzdem wurde es schon im Oktober 1528 als Rathaus bezeichnet.

1530 - Der Rat kauft zur Erweiterung des für die Verwaltung erforderlichen Raumes vom Silvestristift das sogenannte Schierstedtsche Haus am Klint, das unmittelbar an das Spelhus grenzte und dessen Vorderseite mit der Westwand des Spelhuses einen stumpfen Winkel bildet.

1538 - Jetzt erst entschließt sich der Rat, das Spelhus endgültig zum Rathaus umzuwandeln.

1539 - 1543 - Umbau des Spelhuses zum Rathaus durch Simon Hilleborch, Sohn von Thomas Hilleborch, dem Baumeister des Rathauses. Zuerst wurde das alte Spelhus bis auf den Ständerbau abgetragen. Es wurde zuerst das Dach abgetragen und die Fenster entfernt und die Giebelwand abgetragen. 1540 war der Rohbau fertig. Da nun die Giebel weg waren und die beiden Erkertürme dadurch frei geworden waren, wurden sie nun nach unten über das steinerne Erdgeschoss bis zum Treppenpodest verlängert, erhielten aber noch keine Ständer. Die beiden Treppenläufe wurden nach vorn gerichtet.

Das Gebäude erhält ein breites, über den Eingang vorgezogenes Walmdach. Die Freitreppe an der Westseite zum Festsaal wurde beseitigt, der Aufgang nach innen verlegt. Im Erdgeschoss verschwanden die Gewölbe, es wurden Bürgermeisterstube und Ratsschreibereien eingerichtet. Die Gaststube wird in den Keller verlegt, dessen Steinboden mit Estrich versehen. Der neue Kellereingang ist unter dem östlichen Erkerturm. Der Knaggenschmuck erhält im Wesentlichen die heutige Anordnung.

1541 - 1542 - Das 1530 erworbene Nachbarhaus, Schierstedtsches Haus, wird zum Waaghaus umgebaut. Der neue Aufgang zum Festsaal wird durch das Waaghaus gelegt, das neben dem Eingang zur Ratsstube einen zweiten Eingang erhält. Die Front des alten niedersächsischen Ackerbürgerhauses wird damit ganz unregelmäßig aufgelöst. Das Dach des Waaghauses wird mit dem neuen Walmdach des Rathauses verbunden und in Einklang gebracht. Die alten Schierstedtschen Wirtschaftsgebäude werden abgerissen, um den Ratshof zu öffnen.

1584 - Dem Rathaus wird an seiner Südostecke ein Erker mit dem Bürgermeisterstübchen und der Feuerwachstube der Bürger unten angefügt.

1596 - Über dem gemeißelten Allianzwappen über der Rathaustür wird auf einer Holztafel das große Stolberg-Wernigeröder Wappen angebracht.

1689 - An der Nordostecke des Rathauses wird ein auf sechs Säulen ruhender Anbau mit drei Zimmern zur Erweiterung der Ratsschreiberei angefügt.

1709 bzw. 1713 - Die Erkertürme, die sich offenbar gesenkt haben, erhalten steinerne Füße.

1743 - Die 1498 errichtete Freitreppe wird erneuert und erhält ihre barocke Form mit dem Wappen der Stadt an ihrer oberen Brüstung.. Sie erhält auch unter dem Auslauf des schmiedeeisernen Geländers unter dem weitgeschwungenen Handläufen 4 große Sandsteinkugeln.

1833 - Die Erkertürmchen werden auch in ihrem oberen freistehenden Stockwerk mit Schiefer überkleidet.

1847 - Nach einem Brand wird das Rathaus renoviert.

1873 - 1875 - Erneuerungsarbeiten, die die schöne Fassade des Rathauses in nüchternster Weise "vereinfachten". Der weit übergeschleppte, seitwärts nochmals abgewalmte große Dachüberstand der Frontseite mit seinen "Drachenenköpfen" wird beseitigt, das Dachsims auf eine langweilige Gerade reduziert. Die Freitreppe erhält vier Säulen mit Kugeln. Die Stelzfüße der beiden Erkertßrme werden durch unzulängliche Binder ersetzt. Der Anbau der Accisestube wird völlig beseitigt. An seine Stelle tritt ein neuer schmuckloser Eingang zum Ratskeller. Die Eingänge unter den Türmen werden geschlossen. An Stelle der östlichen Fachwerkswand tritt eine völlig schmucklose und ungegliederte Massivwand.

Selbst der Erker mit dem Bürgermeisterstübchen sollte beseitigt werden, bleibt aber doch erhalten. Im Inneren wird der gesamte Einbau von 1539 - 44 beseitigt und durch enge Raumeinteilung ersetzt, eine neue Treppe eingezogen, die Fenster erhöht und neue Fenster eingesetzt. Die Erneuerung erstreckte sich nicht auf den Keller, der völlig verwahrlost ist.

1906 - 1909 - Die gröbsten Eingriffe der Instandsetzung von 1873/75 werden durch Umbau wieder beseitigt.

1936 - 1939 - Umfangreiche Erneuerungs- und Erweiterungsarbeiten, u. a. Sparkassen-Neubau links daneben und versteckt dahinter, Vorsetzen von Fachwerk an der Ostseite, Verlängerung des Waaghauses, Wiedererschaffung des Festsaales. Dabei wurde möglichst die Wiederherstellung des alten Zustandes angestrebt.


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